Legasthenie und Auge
Die Legasthenie oder Dyslexie ist eine besondere Form der Lese-Rechtschreibe-Schwäche (LRS). Häufig wird ein Zusammenhang mit Fehlfunktionen des Auges vermutet. Oft redet man von einem «versteckten Schielen». Genaue Abklärungen bei einem Facharzt sind wichtig.
Wie so oft bei Funktionsstörungen, und um eine solche handelt es sich sowohl bei der Legasthenie als auch bei der LRS (kommt auch isoliert z.B. als Dyskalkulie vor) ist eine Anzahl paramedizinischer Betreuungsmöglichkeiten entstanden, weil der Fortschritt bei schulmedizinischer Vorgehensweise als zu wenig schnell oder effizient empfunden wird und (in diesem Fall von den Eltern) nach weiteren Möglichkeiten gesucht wird. Es eröffnet sich ein weites Feld für diverse Scharlatane, Kurpfuscher und «Teelikocher».
Komplexe Vorgeschichte
In der Schweiz bzw. im Deutschsprachigen Raum besteht eine Besonderheit durch die Entwicklung unterschiedlicher Ausbildungen und unterschiedlicher Lehrmeinungen im Bereich von Schielbehandlungen. Es gibt eine fast sektenhaft agierende «Internationale Vereinigung für Binocularen Vollabgleich» (IVBV), welche eine Mess- und Korrektionsmethode nach Hans-Joachim Haase verwendet. Dabei werden unter genau definierten Bedingungen den beiden Augen Sehzeichen unter unterschiedlicher Polarisation angeboten und damit versucht, die Bildruhelage in den beiden Augen zu bestimmen.
Hans-Joachim Haase war ein ausgesprochen intelligenter Optiker mit vielen guten Ideen. Leider hat sich aus seiner Idee ein regelrechter Grabenkampf zwischen verschiedenen Korrektur- und Messmethoden entwickelt, der nur dadurch zustande kam, dass bis anhin lediglich empirisch ermittelt werden konnte, was wir eigentlich messen.
Zur Zeit sind diesbezüglich Fortschritte im Gange, und in einigen Jahren werden sich die verschiedenen Methoden wohl nähern, weil wir besser vestehen, was auf der sensorischen (und micromotorischen) Ebene genau passiert.
Interessant ist auch, dass sich das Phänomen nur auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, weder in den francophonen Ländern und Landesteilen noch im englischsprachigen Raum hat sich die MKH (Mess- und Korrektionsmethode nach Haase) durchgesetzt. Zur Zeit versuchen die «IVBV-Gurus», den Amerikanern die Sache schmackhaft zu machen, bisher allerdings mit wenig Erfolg.
Pola-Test und Winkelfehlsichtigkeit
Die MKH beruht auf einem von H.-J. Haase entwickelten sogenannten Pola-Test, der von der Firma Zeiss hergestellt wird. Dabei werden den beiden Augen unterschiedlich polarisierte Bilder angeboten mit einem, je nach Test-Teil, unterschiedlichen zusätzlichen Reizmuster, z.B. zentraler oder peripherer binocularer «Verriegelung». Hans-Joachim Haase nahm an, dass die Bildruhelage im Zentrum, also in der Fovea, nicht immer zentral, sondern unterschiedlich verschoben sein kann, und er nannte das Winkelfehlsichtigkeit oder Fixationsdisparation. Umgangssprachlich nannte man das ein «verstecktes Schielen». Seine Annahme konnte bis anhin nicht wirklich bewiesen werden, Haase und die IVBV beriefen sich stets auf die erfolgreichen Behandlungen, welche die Richtigkeit der Annahme beweisen sollten.
Die Behandlung besteht in der Gabe von Prismen ins Brillenglas, um die Ruhelage zu verschieben. Die Stärke der Prismen wird durch eine spezielle Reihenfolge von Testbildern ermittelt, die sich dann mit den Prismen in der Mitte befinden müssen.
Je nach Art der Fixationsdisparation (6 Typen werden unterschieden) kommt dabei im Laufe der Zeit noch ein versteckter Schielwinkel zum Vorschein (das Auge «entspannt»), sodass die Prismen oft von Zeit zu Zeit verstärkt werden müssen.
Häufig wird dabei ein verstecktes Schielen zu einem manifesten Schielen, sodass schliesslich eine Schieloperation durchgeführt werden muss. Besonders dieser Teil der MKH war deshalb immer heftiger Kritik ausgesetzt. Nicht selten führten nämlich diese Behandlungen zwar zu vorübergehender Linderung von «Augenbeschwerden» (Kopfweh, Verspannung, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, zeitweiliges Verschwommensehen, Schwindel, Doppelbilder nach Anstrengung u.v.a.m.), die Beschwerden kamen aber nach geraumer Zeit wieder, und viel zu oft endeten sie in einer Vielzahl von Schieloperationen.
Bei einer nicht zu vernachlässigenden Zahl von Patienten musste nämlich der durch die MKH induzierte Schielwinkel schliesslich wieder rückoperiert werden. Hier setzt die Hauptkritik an: Wahrscheinlich messen wir mit der MKH eben doch nicht das, was wir glauben. Daran wird zur Zeit intensiv gearbeitet (insbesondere von Prof. Komerell in Freiburg im Brsg.).
Das alternative Netzwerk
Da weder alle Optiker noch alle Augenärzte einen solchen Pola-Test besitzen, versuchten die Polatest-Besitzer den Vorteil ihrer Methode über Jahrzehnte herauszustreichen. Daraus ist nun auch die gegenwärtige Zuweisungspraxis entstanden. Man kennt sich.
So gab es im Laufe der Zeit Direktzuweisungen von Schulpsychologen, Lehrern, Kindergärtnerinnen und logopädischen Stellen an Optiker zur Pola-Testung und Prismenverschreibung. Diese weisen im schlimmsten Fall die Kunden dann an die im Netzwerk bekannten Augenärzte weiter, welche die notwendig gewordenen Schieloperationen durchführen. Nach kostspieliger (Prismenbrillen sind teuer! Und sehen dabei noch schrecklich aus) und kontraindizierter Prismen«behandlung» landen Eltern und Kind dann schliesslich beim Augenarzt, der ihnen auseinandersetzen muss, dass der eingeschlagene Weg doch der falsche war. Besonders der Kanton Aargau war hiervon stark betroffen, nicht zuletzt, weil dort ein sehr starkes IVBV-Netzwerk mit deren Chef (ein Augenarzt, inzwischen nicht mehr tätig!) vorhanden war oder ist.
Fakten zur Dyslexie
Bei der Dyslexie, im Deutschen Sprachraum auch Legasthenie, handelt es sich um eine komplexe Störung der Wortverarbeitung im Zentralnervensystem. Mit der Problematik beschäftigt sich die Logopädie, Neuropsychologie, Neurophysiologie und Anatomie sowie am Rande auch die Ophthalmologie (gemäss Fachliteratur zu etwa 10%).
Unterschieden wird in eine angeborene und erworbene Dyslexie. Die erstere scheint extrem viel häufiger und wird in eine dysphonische (rund 60%), eine dyseidetische und eine kombiniert dysphonisch-dyseidetische Dyslexie unterteilt. Die Prävalenz beträgt zwischen 5 und 10%, epidemiologische Daten zeigen einen Zusammenhang mit Obesitas und Hypertonie. Es besteht keine Geschlechtsdifferenz.
Ueber die Ursachen bestehen bis anhin nur Hypothesen. Verschiedene neuroanatomische Untersuchungen an verstorbenen dyslektischen Patienten konnten Atypien im Gehirn nachweisen, so im Temporallappen, welcher mit der Sprachgenerierung zu tun hat, und multiple fokale Areale mit Nestzellektopien in Schicht I des visuellen Cortex. Auch im MRI konnten solche Veränderungen bereits nachgewiesen werden, auch im Gyrus angularis und im Splenium des Corpus callosum, was manche Befunde der komplexen Störung sehr gut erklären kann. Auch eine phonologische Aktivierungsschwäche zwischen anteriorer und posteriorer Sprachregion wurde schon gezeigt.
Fehlender Zusammenhang
Mindestens fünf Gründe sprechen also gegen einen direkten Zusammenhang zwischen Winkelfehlsichtigkeit und Legasthenie:
- Schwierigkeit der Diagnosestellung Dyslexie/Legasthenie
- Keine Resonanz in der Literatur und in Aerztekreisen in Bezug auf Methodik und Wirksamkeit des Polatests
- Fehlender therapeutischer Nachweis von Prismenbrillen bei Dyslektikern (Studie von C. Schwarz und D. Pestalozzi)
- Verpassen von medizinischen Diagnosen, welche durch den Arzt gestellt werden müssen
- Eindeutig ablehnende Haltung von entsprechend fachkompetenten Stellen (American Academy of Pediatrics and Ophtalmology)
Zusammenfassung
Aufgrund der wissenschaftlichen Literatur kann aktuell gefolgert werden, dass es sich bei der Dyslexie um eine komplexe neurologische Teilleistungsstörung handelt, die einer fachkompetenten Abklärung zugeführt werden sollte.
Selbstverständlich können bei jeder Art von komplexen Störungen zusätzliche Befunde vorliegen, welche auch die Entwicklung einer solchen Störung beeinflussen können. So ist klar, dass das visuelle System genau untersucht werden muss und eine Sehschwäche oder ein Strabismus behandelt werden muss. Dies gehört in die Hände entsprechend ausgebildeter Augenärzte und Augenkliniken.
Literatur-Angaben beim Autor:
Dr. med. Dietmar W. Thumm
Augenchirurgie FMH
Bahnhofplatz 4 / PF 4844
6002 Luzern
Tel.: 041 226 30 10
Fax: 041 226 30 15
www.augenarzt-lu.ch
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